Feldenkrais-Forschungswerkstatt Helga Bost

1991 begann ich mit meiner Forschung, der Arbeit mit Menschen mit Rückenmarksverletzungen, die mich auch nach 30 Jahren nicht los lässt und immer wieder fand und finde ich Neues. Es waren Jahre der Neugier, des Staunens, des Lernens mit meinen Klienten und Klientinnen, des Vergleichens von Prozessen, des Wiederholens und doch jedes mal anders …, Jahre des Dokumentierens mit Video und Text, manche Nacht, in der ich schlaflos lag und nicht nur in Träumen dachte …

Meine Forschungswerkstatt bietet mir Raum, um mit Kollegen und Kolleginnen in Kontakt zu kommen, Fragen zu stellen und mich auszutauschen, nach wissenschaftlichen Erklärungen zu suchen. Ein Raum des Lernens, des Lehrens und Vortragens, … Immer wieder vor Unerwartetem stehen, einordnen, diskutieren, mutig zu sein, Arbeitshypothesen entwickeln und den Horizont erweitern, …

All diese Prozesse haben Platz in meiner Feldenkrais-Forschungswerkstatt. Herzlich Willkommen!

Mehr dazu lesen?  Was bisher geschah … 🙂


Wie alles begann mit Michael

Schon seit 25. Oktober 1991 generierte Michaels System erstmalig das Bewegungsmuster des Stehens, eine Bewegung die ich deutlich sehen konnte, noch bevor Michael in der Lage war sie wahrzunehmen. Und das geschah ab dieser Stunde in Folge bei jeder Stunde, die ich mit Michael hatte. Erfreulicher Weise lernte er sich durch die Kraft der angebahnten Bewegungsmuster spüren und konnte es in seinen Bewegungen sofort nutzen. Das war für uns beide ungewöhnlich. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen und auch Kollegen kannten das nicht. Darüber wollte ich mehr erfahren. Sofort begann ich mit Videodokumentation und schriftlichen Aufzeichnungen, auf die ich mich immer wieder stützen konnte.

Andrea kommt hinzu

Am 8. April 1992 generierte sich bei Andrea das erste Mal ein komplexes Bewegungsmuster, vorwiegend auf der gelähmten Seite. Und in jeder nun folgenden Stunde konnte ich sehen, wie jede meiner Berührung von ihrem System erkannt und in Zentrale Bewegungsmuster umgesetzt wurde, die für mich sichtbar waren, bevor sie sie spüren konnte. Ich konnte vergleichen mit dem, was ich schon mit Michael gelernt habe und gab beiden in Folge ähnliche FI – Lektionen… und wurde dabei immer sicherer. Außerdem bestärkte es mich, auf dem richtigen Weg zu sein, wenn ich sah, wie beide Klienten noch in den Stunden diese neuen Bewegungserfahrungen nutzen konnten. Es war reproduzierbar!

Fehlende Hemmung

Yochanan Rywerant gab mir einen wichtigen Hinweis: „Das könnte etwas mit fehlender Hemmung zu tun haben.“ Ich durchforstete noch einmal die Feldenkrais Literatur unter dieser Fragestellung und las von „Alles – oder – nichts – Bewegungen“, Bewegungserbe aus Millionen von Jahren, fehlender Hemmung, rhythmischen Bewegungswiederholungen, …

Michael auf dem Laufband

1993 war Michael in Kur in Langensteinbach. Dort führte Prof. Anton Wernig erste Versuche mit Menschen mit inkomplettem Querschnitt auf dem Laufband durch. Aufgehängt in einem „Fallschirmspringersack“, die Füße in Kontakt mit dem Laufband, gelang es bei vielen das Central Pattern des Gehens anzusprechen. Rechts und links neben dem Band setzten Krankengymnasten dabei die Füße einen vor den anderen. Einigen Menschen gelangen so einige Schritte. Prof. Wernig staunte über Michaels Möglichkeiten, selbständig auf das Band zu gehen und auf dem Band in verschiedenen Tempi zu laufen, ohne alle Hilfsmittel. Das war bei seiner Verletzung nicht zu erwarten. Eine Einladung ermöglichte mir, ihm und Michaels gesamtem Team in Langensteinbach unsere gemeinsame Forschungsarbeit vorzustellen. Dabei rückten die Frage der Wahrnehmung und das Vertrauen in dieses neue Spüren noch mehr in den Vordergrund.

Erste Veröffentlichung

1997 wagte ich mich mit meinen Erfahrungen zum ersten Mal an ein größeres Publikum durch meine Fallbeschreibung im Forum Nr. 30 / Februar 1997: „Michael, inkompletter Querschnitt nach Motorradunfall – Lernprozess über 5 ½ Jahre“.

Kontakt mit KollegInnen und Forschern

Meine Kollegin Angela Rieker war so neugierig geworden, dass wir uns spontan zu einem Wochenende bei mir trafen, Filme anschauten, ausprobierten, überlegten, forschten. Sie schickte mir immer wieder „Fundstücke“ (Graziano, Mechsner, Merzenich …), die sie damals schon im Internet gefunden hatte. Wir wurden uns immer sicherer: Diese Entdeckungen sind etwas ganz Besonderes. 

Der Film „Michael“

Bald zeigte ich meiner Feldenkrais Kollegin und Filmregisseurin Rotraud Kühn einige meiner Videodokumentationen mit der Frage: Können wir daraus etwas machen für Kollegen? Eine spannende aufregende Zeit begann. Wir trafen uns immer wieder über mehrere Wochen und arbeiteten ein Filmkonzept aus. Mit Michael wählte ich für ihn und mich wichtige Stunden aus dem reichen Filmmaterial aus. Ich wollte mich versichern, dass ich im medizinischen Sinne nichts Falsches sagte und zeigte ausgewählte Filmsequenzen dem Neurologen Prof. Klaus Schimrigk, den ich als medizinischen Leiter der MS-Studie mit Roger Russel kennen gelernt hatte. Er hatte solche Bilder noch nie gesehen und konnte sich nicht erinnern, dass so etwas schon beschrieben war. Er konnte aber meiner Arbeitshypothese weitgehend zustimmen. Mit Carl Ginsburg machten wir ein langes Interview über seine Erfahrungen mit dem „Shake a Leg“ Projekt (1984 bis 1996), ein wesentlicher Bestandteil im Film. Im Oktober 2000 konnten wir glücklicher Weise den Film im SR schneiden und fertig stellen: „Zum Beispiel Michael – lernen mit der Feldenkrais-Methode.“

Vorträge und Fortbildungsangebote

Im März 2001 anlässlich der Jahrestagung des Feldenkrais Verbandes in Freiburg (der sich damals noch Feldenkrais-Gilde nannte) zeigte ich meinen Film zum ersten Mal vor KollegInnen. Danach wurde ich immer wieder eingeladen von Regionalgruppen quer durch Deutschland (Berlin, München, Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Stuttgart, Frankfurt…) meinen Film zu zeigen, Vorträge dazu zu halten und in Fortbildungsworkshops praktische Erfahrungen in ATM und FI anzubieten. Für mich war es ganz hilfreich, immer wieder eine klare verständliche Sprache dafür zu finden, was weitgehend nonverbal in Fis geschah. Den Austausch mit KollegInnen möchte ich nicht missen: Sie stellten weiterführende Fragen, neue Ideen flossen ein in meine Arbeit. Bei einem Treffen der IFF in Amersforth (Holland) zeigte ich 2003 zum ersten Mal die englische Fassung meines Filmes (Dank Irene Lobers Unterstützung bei der Übersetzung ins Englische).

All die Jahre war mein Feldenkrais Kollege und Neurologe Thomas Hassa ansprechbar für mich. Er gab mir noch einmal die Idee, mich mit Central Pattern zu befassen über einen Link zu einer Vorlesungsserie von Prof. Roeper an der Uni Frankfurt. Zu bislang 3 meiner Fortbildungsangeboten in der Schweiz (2015), Niederlinxweiler (2019) und Hamburg (2020) referierte er über seine Forschungsarbeit zum Thema Körperwahrnehmung – Neurologie und Feldenkrais®, eine wunderbare grundlegende Ergänzung zu meinem Angebot.

Werner, mein neuer Klient

Ab 2009 suchte Werner Kontakt zu mir. Im Vertrauen auf meine Erfahrungen und offen für das, was geschehen würde, begann ich die Arbeit mit ihm. Und zu unserem großen Erstaunen und Vergnügen konnte auch er sich wieder wahrnehmen und bewegen lernen unterhalb seiner Verletzung. Mit Worten und Zeichnungen konnte er diesen Prozess gut beschreiben.

Faszinierende Faszien

Etwa zur gleichen Zeit lernte ich über Robert Schleip in mehreren Workshops die neuesten Forschungsergebnisse über das Thema „Faszien“ kennen. Diese faszinierenden Erkenntnisse bereicherten und erklärten womöglich einige meiner Fragen: z.B. wie erfährt das Gehirn von den angebahnten Bewegungen und den inneren Prozessen der Kraftübertagung? Ich fragte mich aber auch, ob möglicherweise das fasziale Kommunikationssystem Kontakt zu unserem evolutionären Erbe herstellen kann und so Central Pattern generieren helfen konnte.

Diese neuen Gedanken stellte ich am 23. Februar 2012 in Berlin vor, beim Wissenschaftssymposium des  Fördervereins Somatisches Lernen: Ein neues Selbstbild entwickeln mit Hilfe der Feldenkrais®  Methode. Unter diesem Thema bot ich in Folge viele Fortbildungsveranstaltungen in Deutschland und der Schweiz an und erreichte damit etwa 200 Feldenkrais LehrerInnen. Dabei bestätigte sich für mich immer wieder, dass meine „Entdeckungen“ auch zu einer besonderen Herangehensweise in der praktischen Arbeit führten und ich diese vermitteln konnte, sodass KollegInnen sie in ihrer eigenen Feldenkrais Praxis nutzen konnten. Diese Erfahrungen und Beobachtungen zu sehen und die Zusammenhänge besser zu verstehen bietet eine Voraussetzung dafür, dass auch Menschen mit ähnlicher Problematik an vielen Orten auf ähnliche Unterstützung bei Feldenkrais-KollegInnen hoffen können.

Ich wollte mehr über Faszien lernen und nahm in Ulm (2014) und Leipzig (2016) an weltweiten Faszien Kongressen der „Fascia Research Society“ teil, deren Mitglied ich seit 2016 bin. Die Tage in der Anatomie und die vielen Vorträge erweiterten mein „fasziales“ Wissen. Ich kam in Kontakt mit Tom Myers, Carla Stecca, Tom Findley und anderen und hatte die Möglichkeit, meine Arbeit mit Querschnittgelähmten in kurzen Vorträgen und Plakaten vorzustellen.

Das Buch

Im Herbst 2016 entschloss ich mich, meine Forschung detailliert zusammenzutragen in meinem Buch. Dabei erkannte ich, dass es bei Michael, Andrea und Werner, viele Übereinstimmungen gab in ihrem Prozess der entstehenden Wahrnehmung, die ich in einer Synopse im Buch zusammenstellte. Ich ließ alle Filme aus früheren Jahren digitalisieren und ergänzte die schriftliche Darstellung im Buch mit den entsprechenden Filmausschnitten. Dabei gab mir Rotraud Kühn wieder in vielen Wochen kollegiale Unterstützung. Gemeinsam entwickelten wir anhand des reichen Materials in intensiver Auseinandersetzung mit den Texten und Filmen eine Choreographie meines Buches. Dafür bin ich Traudel sehr dankbar.

Lilly macht gute Fortschritte

2017, eigentlich war mein Buch schon fertig, lernte ich Lilly (18 Monate) kennen. Die Erfahrungen mit den erwachsenen Menschen mit Rückenmarksverletzungen konnte ich gut als Basis nutzen. Trotzdem erfordert ein Kind eine ganz andere spontanere Vorgehensweise. Die Fortschritte waren so überraschend, dass ich auch ihre Geschichte ins Buch aufnahm.

Im Juni 2019 stelle ich mein Buch vor

An diesem Tag tritt Lilly zum ersten Mal mit ihren „nicht mehr gelähmten Beinen“ die Pedale ihres pinken Dreirades im Leerlauf. Ein Jahr später hat sie die Kraft und Koordination gefunden, selbständig und voller Freude, ohne Motor oder Anschieben ihr Fahrrad zu fahren. Das Kapitel Lilly schreibe ich weiter.

Im September 2020 erscheint mein Buch ins Englische übersetzt von Conrad Heckmann und Helen Mc Kinnon. Für ihre kompetente zügige Arbeit und ihr großes Engagement herzlichen Dank. Dieser Prozess bot wiederum eine Möglichkeit, mich noch einmal intensiv mit der Materie auseinanderzusetzen, weiter zu klären und die Sprache zu verfeinern.

Micha
Zu Anfang des Corona „Shut downs“ im März 2020 arbeitete ich 6 Tage in Folge mit Micha. Auch seinen Lernprozess dokumentierte und beschrieb ich, denn am 5. Tag zeigt sich auch bei ihm das CP des Kriechens und der Aufrichtung.

Parallel dazu ergänzte ich auch das deutsche Buch, das auch im September als erweiterte Neuauflage erscheinen wird.

In Zukunft freue ich mich über regen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und mit betroffenen Menschen. Ich hoffe, das Buch findet die Aufmerksamkeit von vielen Menschen im deutschen und im englischen Sprachraum. Ich wünsche meinem Buch aber auch von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen aus verschiedenen Blickrichtungen entdeckt zu werden und so mehr Licht in das Unerwartete zu bringen, z.B. von Seiten der Neurologie, der Neuroplastizität und der Central Pattern- und Faszien-Forschung. Vielleicht ergibt sich dabei eine Fächer-übergreifende Kommunikation.

Meine Forschungswerkstatt wird sich erweitern …  ich bin neugierig und freue mich darauf.